Begriffs-Battle: Warum es nicht „Gendersprache“ heißt

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Der BdKom veröffentlicht in jeder Ausgabe des Magazins KOM sowie online die Kolumne Fair formuliert. Die Autorin des Kompendiums Gendersensible Sprache greift darin jeweils eine Frage auf, die unter Kommunikationsprofis diskutiert wird. Diesmal geht es um gendersensible Sprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

von Jeanne Wellnitz 

Wenn die Fetzen fliegen, ist es immer gut, zu wissen, worüber eigentlich gestritten wird. Nur dadurch ist ein Kompromiss möglich. Aktuell fliegen die Fetzen im deutschen Feuilleton: Es geht um gendersensibles Sprechen und Schreiben im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR). Der Musiker Fabian Payr hat am 30. Juli einen Aufruf veröffentlicht mit der Forderung, den Sprachgebrauch im ÖRR auf sprachwissenschaftlicher Grundlage kritisch neu zu bewerten. Im Anschluss daran titelte die FAZARD und ZDF sollen von der Gendersprache lassen. Wobei „Gendersprache“ so fremd und klinisch klingt, als hätte sie mit unserer Sprache der Dichter und Denkerinnen nichts zu tun.

Unter den rund 300 Sprachwissenschaftlerinnen und Philologen, die den Aufruf unterzeichnet haben, ist auch Helmut Glück. Der emeritierte Professor für Deutsche Sprachwissenschaft kennt sich aus mit offenen Briefen. Als er im Winter 2020 einen Artikel mit dem Titel Wissenschaftsfremder Übergriff auf die deutsche Sprache in der Zeitschrift Forschung & Lehre veröffentlichte, unterschrieben kurz darauf rund 200 Personen aus der Sprachwissenschaft eine Replik, die zeigte, dass es in der Linguistik eine lebendige Debatte über gendergerechtere Sprache gibt, keine einhellige Meinung. Mitnichten stehen sich also klar abgegrenzte Parteien gegenüber wie die Linguistik versus die Gendersprache.

Missverständnisse

Das Begriffswirrwarr begann womöglich schon damit, dass es im Deutschen kein Äquivalent zum englischen „Gender“ gibt. Das Substantiv gender bezeichnet das soziale (das gefühlte und gelebte) Geschlecht im Gegensatz zum sex, dem biologischen Geschlecht. Daraus entstanden im Lauf der Zeit verschiedene Adjektive, die anzeigen, wohin unsere Sprache streben könnte: gendergerecht, geschlechtergerecht, genderneutral, gendersensibel, geschlechterinklusiv, geschlechterbewusst …

All diese Wörter haben nun eines gemeinsam: Sie stehen für Strategien, durch die sich das sogenannte generische Maskulinum ergänzen oder ersetzen lässt, indem Gender vermieden wird (Beschäftigte, Team, alle, die bei uns arbeiten) oder, genau andersherum, indem verschiedene Gender benannt werden (Kommunikatorinnen, Mitarbeiter*innen). Obwohl dies gegensätzliche Vorgehen sind, werden sie unter „Gendern“ zusammengefasst und in einem nächsten Schritt häufig durch den Begriff „Gendersprache“ (meist negativ) gelabelt. Die deutsche Sprache ist jedoch ohnehin genusbasiert – und damit im Grunde stets eine Gendersprache.

Nun könnte dies alles als Haarspalterei abgetan werden, bei Umfragen jedoch ist die konkrete Fragestellung und somit die Klarheit über den debattierten Gegenstand äußerst wichtig. Wenn also das Meinungsforschungs-Start-up Civey fragt: „Sollte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (z. B. ARD) Ihrer Meinung nach ‚geschlechtergerechte Sprache‘ verwendet werden?“, ist womöglich eher gemeint: „Sollten im ÖRR der Genderstern und der glottale Plosiv verwendet werden?“ Eigentlich müsste die Frage, wie die Diversity-Beraterin Sigi Lieb es in einem Linkedin-Post formulierte, sogar lauten: „Soll der ÖRR seinen Journalist*innen verbieten, den Genderstern zu verwenden?“ Denn an das umstrittene Zeichen werden wohl die meisten denken, wenn sie gendergerechte Sprache in der Umfrage ablehnen oder eben das Wort „Gendersprache“ hören.

Die Reaktion des IDS

In einer Pressemitteilung Anfang August rief das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) dann zu mehr Toleranz auf: „Die sprachliche Freiheit sollte uns ein hohes Gut sein“, heißt es dort unter anderem. „Die Forderung beispielsweise, der ÖRR müsse das Gendern unterlassen, läuft diesem Freiheitsgedanken gerade zuwider.“ Professorin Carolin Müller-Spitzer vom IDS hat in einem MDR-Interview eine produktivere Debatte gefordert. Einige wollen ihren Sprachgebrauch ändern, andere nicht. Beides sei okay. Sigi Lieb ergänzt auf Nachfrage: „Neben gesprochenem Genderstern leben im ÖRR auch das generische Maskulinum, die Beidnennung sowie zahlreiche neutrale Formen. Der ÖRR kommt damit also seinem demokratischen Auftrag nach.“

Es geht nun also darum, Kompromisse zu finden und Vorschläge auszuprobieren. Und nichts anderes ist der Genderstern: ein Vorschlag, um der Vielfalt in unserer Sprache Ausdruck zu verleihen.

Die Autorin

Jeanne Wellnitz ist Autorin des Kompendiums Gendersensible Sprache. Strategien fairen Formulierens und der Journalistenwerkstatt Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im JournalismusDie gebürtige Berlinerin ist neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin Redakteurin beim Fachmagazin Human Resources Manager. Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert, beim Magazin KOM volontiert und schreibt Literaturkritiken für das Bücher Magazin und die Psychologie HeuteHier können Sie sich die Kolumne als Pdf herunterladen.

Quellen

Aufruf: Wissenschaftler kritisieren Genderpraxis des ÖRR (Juli 2022): https://www.linguistik-vs-gendern.de/

Interview mit Damaris Nübling in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:: „Wir schütteln nur den Kopf darüber“: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gender-debatte-im-rundfunk-sprachwissenschaftlerin-im-interview-18223882.html?premium

Helmut Glück in Forschung und Lehre https://www.forschung-und-lehre.de/heftarchiv/ausgabe-12/20 und Pdf des Beitrags: griff auf die deutsche Sprache – BLOGS FAU

Stellungnahme zum Beitrag von Helmut Glück in F&L 12/2020: https://docs.google.com/document/d/1XKofHun-RSkUfB2aE53szwN4I1Mk2l0f3crIPTO6OT0/edit

Umfrage zu gendergerechter Sprache im ÖRR (Befragung läuft seit dem 4. August):
https://civey.com/umfragen/25023/sollte-im-offentlich-rechtlichen-rundfunk-z-b-ard-ihrer-meinung-nach-geschlechtergerechte-sprache-verwendet-werden

Sigi Liebs Linkedin-Post zur Umfrage: https://www.linkedin.com/posts/sigi-lieb_misgendern-gender-gendergerechteanrede-activity-6957587775801937920-F5ef?utm_source=share&utm_medium=member_desktop

Pressemitteilung des IDShttps://www.ids-mannheim.de/aktuell/presse/pressemitteilungen/pm-02082022/

MDR WissenInstitut für Deutsche Sprache empfiehlt: Seien Sie tolerant – und kreativhttps://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/gendern-sprache-leibniz-institut-fordert-toleranz-und-kreativitaet100.html

Diese Kolumne erschien zuerst im Magazin KOM 4/2022.
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