COVID-19: Kommunikation zwischen wissenschaftlichen Fakten und Fake

Ein Online-Seminar mit dem Impfstoff-Kommunikator Dr. Rene Rust zu seinen Erlebnissen in Pandemiezeiten und der Entwicklung der Corona-Infodemie
 
Corona verändert die Welt – auch in der Kommunikation. Während sich einerseits viele Menschen intensiv mit wissenschaftlichen Fragen rund um Pandemien beschäftigen, sehen andererseits Verschwörungstheoretiker*innen ihre große Stunde gekommen. Zwischen diesen beiden Polen agieren nicht nur Politik und Medien, sondern auch die Kommunikationsprofis der Impfstoffproduzenten. Dr. Rene Rust leitet die globale Impfstoff- und Innovationskommunikation für den britischen GlaxoSmithKline-Konzern, dem weltweit größten Impfstoffhersteller. Was er in den vergangenen zwölf Monaten erlebt hat, könnte ein ganzes Buch füllen.
 
Daher war die Neugier groß auf die Veranstaltung „Zwischen Pandemie, Infodemie und Impfstoffentwicklung – Kommunikation in der COVID-19-Ära“, die die BdKom-Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland kurz vor Weihnachten organisierte. Knapp 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gingen mit dem promovierten Virologen auf eine aus ganz persönlicher Sicht geschilderte Reise, die alle Facetten der Kommunikation in der COVID-19-Zeit beleuchtete, mit einem Fokus auf die Bedeutung der Impfstoffentwicklung während der Pandemie. Und an deren Ende Rust zu einem klaren Fazit kam: „Es gehört zu unseren größten kommunikativen Herausforderungen, den Menschen korrekte und auf wissenschaftlichen Daten basierte Informationen nahezubringen, die sie dann auch nutzen können.“
 
Hoffnungen und Ängste
 
Viele Expertinnen und Experten engagieren sich stark dafür, fakten-basierte Inhalte zu kommunizieren. Allerdings ist die Corona-Pandemie auch für die Anhänger*innen von Verschwörungstheorien gleich in vielfacher Hinsicht ein gefundenes Fressen. Impfgegnerinnen und Impfgegner nutzen die jetzt erlangte noch größere Aufmerksamkeit für das Thema dazu, Ängste zu schüren. „Und diese Impfgegner haben leider sehr gute Taktiken entwickelt, um gerade auf Social Media viel Aufmerksamkeit zu erregen“, erläuterte Rust. Hinzu kommt der Einfluss einiger Schauspieler*innen oder Musiker*innen, die zwar wenig naturwissenschaftliches Wissen besitzen, aber eine große Gefolgschaft im Netz. Damit wird jede Behauptung, die sie – vielleicht auch ohne böse Absicht – transportieren, zu einer Art Massenkommunikation. Manche Akteurinnen und Akteure nutzten die Impfangst vieler Menschen aber auch bewusst aus Profitdenken, berichtete Rust. „Es gibt Webseiten, die impfkritische Inhalte zeigen und gar nicht von Impfgegnern gemacht werden, sondern von Leuten, die lukrative Geschäfte machen wollen, weil das Thema so viele Klicks erzeugt.“
 
Aufklären, wo es möglich ist
 
Für die Kommunikation in diesem Bereich setzt der Naturwissenschaftler, der erst im Lauf seiner beruflichen Karriere zur PR kam, auf Aufklärung und Fakten, die auch Nicht-Wissenschaftler*innen verstehen. „Es gibt eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die aus verschiedenen Gründen gegen Impfungen sind, und eine viel größere Gruppe von Menschen, die durch deren – oftmals falsche – Aussagen verunsichert werden, obwohl sie eigentlich Impfungen gegenüber positiv oder neutral eingestellt sind. Es macht am meisten Sinn, mit denen zu reden, die zuhören wollen“, erläuterte Rust. Wichtig sei vor allem, diejenigen aufzuklären, die noch keine klare Haltung zum Thema haben. Einerseits sei es erfreulich, dass viele Menschen sich mit dem Virus und seinen Ausprägungen ernsthaft beschäftigen, sagte Rust. Dazu haben auch neue Formate wie die Podcasts mit dem Virologen Dr. Christian Drosten beigetragen. Aber die Frage bleibe natürlich, wieviel naturwissenschaftliches Verständnis in der breiten Bevölkerung überhaupt geweckt werden kann. „Viele Menschen bekommen oft nur einfache Botschaften zu sehen. Die Mechanik der digitalen und sozialen Medien macht es leicht, diese ungeprüft zu glauben.“ Die Schlussfolgerung daraus kann denn auch nur lauten, dass es in der Kommunikation gelingen muss, die Zusammenhänge rund um Corona klar verständlich zu formulieren, ohne dabei die Komplexität des Themas zu unterschlagen. Unkommentierte Zahlen helfen dabei ebenso wenig wie plakative Schlagzeilen – die Aufklärung in Zeiten einer „Infodemie“ muss wissenschaftlich fundiert, einfach verständlich, faktenbasiert, und vor allem relevant für die breite Bevölkerung sein, erläuterte Rust.
 
Für die Impfstoffindustrie ist das keine neue Erkenntnis. Anders ist jedoch, dass aufgrund der Pandemie plötzlich ein Milliardenpublikum auf tägliche News wartet – wann zum Beispiel ein Impfstoff erhältlich ist, wie viel er kostet, wie er entwickelt wurde und nun verteilt werden soll und ob er potenzielle Nebenwirkungen erzeugt. Dabei gibt es immer wieder wichtige Aspekte, die in der täglichen Aufregung unterzugehen drohen – etwa, dass die Corona-Forscher*innen keineswegs bei null ansetzen mussten. Man habe schon seit 15 Jahren an der Familie der Corona-Viren geforscht, und nur deshalb konnte jetzt innerhalb von wenigen Monaten ein zuverlässiger Impfstoff entwickelt werden, erläuterte Rust. „Die extrem schnelle Entwicklung ist ein gutes Beispiel dafür, welche herausragenden Ergebnisse die Wissenschaft mit einem starken Fokus leisten kann“, resümierte Rust.
 
Text: Holger Paul
Bild: AdobeStock