Die Podcast-Nation ist aufgewacht

Deutschland, eine Podcast-Nation? Es hat lange gedauert, bis sich das Audio-Talk-Format mit all seinen Möglichkeiten auch hierzulande durchgesetzt hat, aber inzwischen sind Podcasts aus der Kommunikation und unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Zigtausende neue Folgen erscheinen Tag für Tag, geschätzt knapp 20 Millionen Deutsche – die genaue Zahl kennt niemand – hören zumindest gelegentlich zu, wenn Journalisten über Politik reden, Ernährungsexperten über Diäten und (fast) alle über Fußball. Auch Unternehmen und Organisationen erkennen und nutzen zunehmend die einzigartigen Möglichkeiten der Podcast-Kommunikation, die Anja Mutschler, Gründerin und Inhaberin der Agentur 20blue, mit dem Dreiklang beschreibt: „emotionalisierende, vertiefende und bindungsorientierte Content-Arbeit“.
 
Herz und Hirn ansprechen
 
Seit vielen Jahren berät die in Leipzig beheimatete Kommunikationsexpertin ihre Kundschaft auf dem Weg in die Podcast-Welt. Auch im Webseminar der BdKom-Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland war das Interesse an ihren praktischen Hilfestellungen groß. Rund ein Fünftel der 45 Teilnehmenden produzieren bereits eigene Beiträge oder Staffeln – für alle anderen steht eine solche Entscheidung noch an. „Podcasts sind sicher nicht die erste Kommunikationsform, die man angeht“, erläuterte Mutschler; Websites oder Social-Media-Kanäle haben in der Regel Priorität. Aber wenn es dann darum geht, Informationen mit Emotionen zu verbinden, und das in einem Format mit deutlich weniger Produktionsaufwand als etwa längere Videos, sind Podcasts fast unschlagbar. „Ein Podcast muss das Herz und das Hirn ansprechen. Er ist immer Teil einer Gesamt-Kommunikationsstrategie, ein Vertiefungsformat mit festem Erscheinungsrhythmus“, betonte die Expertin. Einmal im Monat sei das Minimum, riet Mutschler, und wenn genug Übung vorhanden ist, lohne sich die Produktion auch alle zwei Wochen oder häufiger. „Und für viele Unternehmenspodcasts eignet sich auch das Format einer Staffel, weil man sie danach auch wieder absetzen kann.“
 
Kenne die Zielgruppe
 
Genau wie bei anderen Kommunikationsformen machen auch Podcasts zudem nur Sinn, wenn die Zielgruppe klar definiert ist. Denn mit den großen, nachrichtenbasierten Formaten wie etwa von „Zeit Online“ oder den massentauglichen „True-Crime“-Geschichten wird kaum eine Organisation oder Unternehmen jemals mithalten können. Aber das ist auch gar nicht nötig, denn die meisten Podcasts haben sehr spezielle Themen und damit auch eine entsprechend „spitze Zielgruppe“, wie Mutschler erläuterte – in der internen Kommunikation ebenso wie in der externen. „Deshalb sollte immer genau überlegt werden, warum jemand einen ganz bestimmten Podcast hören und wiederkommen will.“ Dabei gehe es gar nicht darum, ein perfektes Produkt zu erstellen. „Authentizität zählt, dabei darf man sich auch mal versprechen oder ins Stocken geraten“, riet die 20blue-Chefin. Auf keinen Fall sollte ein Podcast völlig durchkonzipiert und womöglich abgelesen werden. „Eine Dramaturgie und ein Gesprächsleitfaden, der mit den Podcast-Teilnehmenden besprochen wird, reicht völlig aus. Bloß keine Teleprompter-Akustik“, mahnte Mutschler.
 
Mit vielen weiteren guten Tipps war die Webcast-Stunde dann so schnell vorbei, dass am Ende bei vielen Zuhörerinnen und Zuhörern der Wunsch nach einer weiteren „Folge“ der Podcast-Lecture aufkam. Wird Deutschland also doch noch zum audiophilen Land? „Deutschland ist als Podcast-Nation erst spät aufgewacht“, resümierte Anja Mutschler. „Aber jetzt hören immer mehr Menschen zu, auf dem Weg zur Arbeit, im Home-Office oder auch in ihrer Freizeit.“
 
Text: Holger Paul     
Bild: GettyImages / Anton Ostpenko