Knifflige Komposita: Mitarbeitermagazin – gendern oder nicht?

Der BdKom veröffentlicht in jeder Ausgabe des Magazins KOM sowie online die Kolumne Fair formuliert. Die Autorin des Kompendiums Gendersensible Sprache greift darin jeweils eine Frage auf, die unter Kommunikationsprofis diskutiert wird. Heute geht es um knifflige Wortzusammensetzungen wie Mitarbeitermagazin oder Mitarbeitergespräch.
 
von Jeanne Wellnitz
 
Die deutsche Sprache ist eine unerschöpfliche Wortbildungsmaschine. Tagtäglich beschenken wir einander in unserer Kommunikation mit neuen Zusammensetzungen, darunter auch Wortungeheuer wie Durchgangsarztverfahren. Soll das auch gegendert werden? Und was ist mit Klassikern wie Mitarbeitermagazin? In der medialen Genderschlammschlacht werden knifflige Angelegenheiten wie diese meist mit dem berühmten Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen abgetan. Hände weg von den Komposita! Das weist auf etwas Wichtiges hin: Personenbezeichnungen konsequent zu gendern, ist vielleicht der Wunsch einiger, doch nur mit großen ästhetischen Einbußen umsetzbar. Sprachgefühl und Einfallsreichtum sind gefragt und vielleicht auch eine kleine Regel zum Festhalten. 
 

Kleine Faustregel

 
Ein Blick in das Duden-Handbuch Geschlechtergerechte Sprache lässt aufatmen: Dort steht, Komposita und Ableitungen seien der schwierigste Bereich des Genderns auf Wortebene. Für Fortgeschrittene sozusagen. Also ist es nicht schlimm, wenn es da hakt. Schließlich befinden wir uns mitten im Aushandlungsprozess, in dem Vorschläge angehört, übernommen oder verworfen werden können. Aber nun zur Faustregel: Zwei Fragen sind wichtig. Bezieht sich das Wort auf Abstrakta und Dinge (Bürgersteig oder Mitarbeitermagazin) oder auf Gruppen von Personen (Lehrerschaft)? Als Nächstes sollte abgewogen werden, wie stark die Bürger, Mitarbeiter oder Lehrer als reale Personen im gedanklichen Fokus stehen. Am Ende steht dann die individuelle Einschätzung, wie dieser Bezug wahrgenommen wird – also am besten im Team darüber austauschen! 
 
Manche Komposita lassen sich zum Glück leicht genderneutral verfassen: Das Rednerpult beispielsweise wird zum Redepult – analog zur Sitzecke oder zum Esstisch. Auch die Verwandlung des Mitarbeitergesprächs zum Beurteilungsgespräch oder des Expertenwissens zu Fachwissen tut nicht weh. Die Briefe an die Redaktion klingen sogar etwas feinstimmiger als der schnöde Leserbrief.
 
Das Journalistinnenteam von Genderleicht.de hat in der Rubrik Textlabor das Bürgerhaus übrigens nicht zum Bürger*innenhaus gemacht, sondern zwölf Entsprechungen gefunden. Und das ist etwas, das häufig bei (Gender-)Lektoraten, also bei dem Sich-Befassen-mit-Sprache, geschieht: Wir denken noch einmal über Wörter nach, die wir schlafwandlerisch verwenden, und fragen uns, was sie genau aussagen. Uns fällt dann vielleicht auf, was wir eigentlich damit ausdrücken wollen: Was soll denn geschehen im Bürgerhaus, also einem Ort, an dem sich Menschen zusammenfinden? Es ist ein Haus der Begegnung. Das ist eine der Varianten, die im Textlabor entstanden sind. Kürzere gibt es auch wie Gemeinde- oder Stadthaus
 

Kosten-Nutzen-Abwägung

 
Kreativität ist also ebenso gefragt wie eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Begriffe wie „Durchgangsarztverfahren“ könnten beispielsweise mit einem Bild kontextualisiert werden, auf dem vielleicht kein älterer Herr im weißen Kittel zu sehen ist. Bei dem Mitarbeitermagazin bieten sich möglicherweise Entsprechungen an wie Unternehmensmagazin, Belegschaftsmagazin oder Magazin für unsere Mitarbeitenden. Die PR-Professorin Annika Schach rät auf Nachfrage ebenso zur Mäßigung: „Wenn Komposita zu stark gegendert werden, kann das nur unnötigen Widerstand auslösen.“ Der Akzeptanz gendersensibler Sprache sei damit nicht geholfen.
 
Albrecht Plewnia hat in einer Gesprächsrunde im Deutschlandfunk kürzlich etwas Schönes gesagt. Er ist der Leiter des Programmbereichs Sprache im öffentlichen Raum am Leibniz-Institut für deutsche Sprache. Er sagte: „Das Deutsche ist eine komplexe, eine ausgebaute und eine extrem leistungsfähige Sprache mit sehr kompetenten Sprecherinnen und Sprechern.“ Sprachdiskurse zu Negativdiskursen zu machen, das sei der Sache nicht angemessen.
 
Also, unserer Sprache geht es gut. Und deshalb sollten wir entspannt experimentieren, wenn es darum geht, diejenigen anzusprechen, die wir auch meinen.
 

Die Autorin

Jeanne Wellnitz ist Autorin des Kompendiums Gendersensible SpracheDie gebürtige Berlinerin ist neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin Redakteurin beim Fachmagazin Human Resources Manager. Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert, beim Magazin KOM volontiert und schreibt Literaturkritiken für das Bücher Magazin und die Psychologie Heute.
 

Quellen

Gabriele Diewald, Anja Steinhauer. Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Dudenverlag, 256 Seiten, 22 Euro.
https://www.genderleicht.de/Textlabor/rathaus-wird-buergerhaus/
Sendung Lebenszeit: Wohin entwickelt sich die deutsche Sprache? Deutschlandfunk, 30. Juli 2021
 
 
Hier geht es zur Auftakt-Kolumne Können Studenten Studierende sein?.