Können Studenten Studierende sein?

Als der BdKom im November 2020 das Kompendium Gendersensible Sprache veröffentlichte, ahnte niemand, wie zentral diese Handreichung für viele aus der Branche sein würde. Die Debatte um gendersensible Sprache wird rege geführt, in der Kommunikationsbranche, im Feuilleton, im TV, in der Politik und im Social Web. Auch in dem Webinar, das der Verband seit März zum Thema anbietet, zeigt sich das große Interesse am Thema. Deshalb veröffentlicht der BdKom künftig in jeder Ausgabe des Magazins KOM sowie online die Kolumne Fair formuliert. Die Autorin des Kompendiums Jeanne Wellnitz greift darin jeweils eine Frage auf, die unter Kommunikationsprofis diskutiert wird.
 
von Jeanne Wellnitz
 
Max Goldts Ausruf ist bis heute nicht verklungen: „Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren“, schreibt er vor zwanzig Jahren in seiner Textsammlung Wenn man einen weißen Anzug anhat. Absurd findet er den Satz „Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden“. Der Schriftsteller und Satiriker wird seither gern in genderkritischen Äußerungen angeführt. Goldt bezog sich damals auf eine Praxis im Hochschulkontext, das Wort „Studenten“ durch „Studierende“ zu ersetzen. Das substantivierte Partizip Präsens Studierende ist kurz, im Plural geschlechtsneutral und kommt ohne Stern oder Gap aus.
 
Doch macht die Grammatik da mit? Studierende sind doch Personen, die in dem Augenblick, in dem von ihnen gesprochen wird, tatsachlich über den Büchern brüten oder in der Vorlesung sitzen. Bereits Goethe wusste um diesen Unterschied, sagte der emeritierte Linguist Peter Eisenberg kürzlich in der Berliner Zeitung. Sein Hinweis zeigt aber auch: Das Wort an sich ist gar nicht so neu. Genau genommen wurde es bereits im 16. Jahrhundert verwendet.
 

DWDS-Wortverlaufskurve für „Studierende“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (abgerufen am 25.6.2021).
 
Wir können außerdem auf die Small-Talk-Frage, was wir beruflich machen, „Ich studiere Kommunikation“ antworten, dabei etwas beim Kellner bestellen, und niemand schaut komisch. Diesen Umstand brachte der Linguist Anatol Stefanowitsch in die Debatte ein: „Wenn ich biertrinkend in der Kneipe sitzen und von mir sagen kann, dass ich ‚studiere‘“, schreibt er auf seinem Blog, „kann ich auch sagen, ich sei ein ‚Studierender‘.“ Er nennt Beispiele, die den Moment des Sprechens zeitlich überschreiten, und nutzt dafür Max Goldts Satz als Schablone: „Die Bevölkerung beweint die sterbenden Vorstandsvorsitzenden. Niemand kann gleichzeitig sterben und einem Vorstand vorsitzen.“ Nanu, hier regt sich kaum innerer Widerstand. Die Sprachgemeinschaft kennt die Partizipialform Vorstandsvorsitzende, genauso wie die Alleinerziehenden, die Reisenden oder die Auszubildenden.
 

Bedeutungsaspekte im Wandel

 
Die Sprachwissenschaftlerin Gabriele Diewald sagt dazu: „Selbstverständlich können alle substantivierten Partizipien Bedeutungsaspekte ablegen und neue hinzugewinnen – und damit auch zur Benennung von dauerhaften Eigenschaften, Merkmalen oder Rollen verwendet werden.“ Peter Eisenberg hat solche Partizipien einmal gezählt. Es sollen rund zwei Dutzend sein. Dem stellt er ungefähr 10.000 Substantive gegenüber, die auf -er enden. Ein Blick in Wörterbücher ist jedoch auch immer ein historischer. Aussagekraft über aktuelle Produktivität von Wortbildungsmustern geben statistische Korpusstudien.
 
Eine Analyse im digitalen Textkorpus des Rats für deutsche Rechtschreibung zeigt: Als Max Goldt sein Buch 2002 veröffentlichte, wurde noch überwiegend das Wort „Studenten“ (75,98 Prozent) von Journalistinnen und Medienschaffenden verwendet. Springen wir ins Jahr 2020, haben die Studierenden die Studenten (41,12 Prozent) überholt. Das Wort „Studierende“ hat sich also trotz aller Kritik nicht nur im Universitätskosmos, sondern auch allmählich in den Medien durchgesetzt. Mittlerweile ist zudem in Pressemitteilungen, auf Unternehmenswebsites und in den Sozialen Medien vermehrt die Rede von den Mitarbeitenden. Diese Form wird jedoch laut Rat zurückhaltend in der Presse verwendet, erlebt seit 2018 aber einen leichten Anstieg.
 
2002: Die Studenten 3.325 Treffer (75,98 Prozent) versus Studierende 1.051 Treffer (24,02 Prozent)
2020: Die Studenten 1.641 Treffer (41,12 Prozent) versus Studierende 2.350 Treffer (58,88 Prozent)
 
2002: Die Mitarbeiter 12.363 Treffer (98,88 Prozent) versus Mitarbeitende 140 Treffer (1,12 Prozent)
2020: Die Mitarbeiter 24.054 Treffer (93,70 Prozent) versus Mitarbeitende 1.618 Treffer (6,3 Prozent)
 
Die Entwicklung der Wörter Studierende und Mitarbeitende innerhalb der vergangenen achtzehn Jahre.
 
 
Selbst wenn die Partizipien nur einen kleinen Teil der Personenbeschreibungen im Deutschen ausmachen, ist das Wortbildungsmuster aktiv. Wichtig ist jedoch, es sparsam einzusetzen und eher durch Varianten in Text und Bild für mentale Bilder in den Köpfen des Lesepublikums zu sorgen.
 

 
Wie häufig werden in den deutschen Medien die Formen Studenten/Studierende und Mitarbeiter/Mitarbeitende verwendet? Eine Analyse im digitalen Textkorpus des Rats für deutsche Rechtschreibung.
 
 

Das digitale Textkorpus des Rats für deutsche Rechtschreibung

 
Die Analysen werden im Kernkorpus des Rats für deutsche Rechtschreibung durchgeführt. Mit insgesamt etwa 12,5 Milliarden Wortbelegen beinhaltet dieses digitale Korpus verschiedene Erzeugnisse professioneller Schriftlichkeit: Den größten Anteil machen überregionale und regionale Tageszeitungen aus, Wochenzeitungen sowie diverse Zeitschriften und Magazine. Sie bilden den Kernbestand der Untersuchungen zu orthografischen Entwicklungen. Neben einer ausgewogenen regionalen Gewichtung innerhalb Deutschlands sind auch Medien der anderen Länder repräsentativ vertreten, in denen Deutsch Amtssprache ist wie Österreich, Schweiz, Belgien, Liechtenstein und Südtirol. Es werden auch Korpora mit Texten informell Schreibender im Internet sowie halbprofessioneller Schriftlichkeit aus dem Schul- und Hochschulbereich für die Ermittlung des Schreibgebrauchs ausgewertet.
 

Die Autorin

Jeanne Wellnitz ist Autorin des Kompendiums Gendersensible Sprache. Die gebürtige Berlinerin ist neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin Redakteurin beim Fachmagazin Human Resources Manager. Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert, beim Magazin pressesprecher volontiert und schreibt Literaturkritiken für das Bücher Magazin und die Psychologie Heute.
 
 

Quellen

Max Goldt. Wenn man einen weißen Anzug anhat. Rowohlt, Reinbek, 158 Seiten, 18 Euro.
https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/gendersprache-studenten-sind-nicht-immer-studierende-16322621.html#void
https://www.zeit.de/2016/24/sprache-gender-studenten-streit-studierende/komplettansicht
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/geschlechtergerechte-sprache-peter-eisenberg-die-genderfraktion-verachtet-die-deutsche-sprache-li.158487
https://twitter.com/RBraunmueller/status/1197801887107551232
https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/danebenliegende-sprachn-rgelnde/
https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/langlebige-studierende/
Gabriele Diewald, Anja Steinhauer. Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Dudenverlag, 256 Seiten, 22 Euro.