Laudatio zum BdKom Award Ehrenpreis für Prof. Christian Drosten

Auf dem Kommunikationskongress am 17. und 18. September 2020, erhielt der Virologe Christian Drosten, Leiter der Stabsstelle Global Health und Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité, den Ehrenpreis des BdKom für seine herausragende Kommunikation während der Covid19-Pandemie. Nach einem Gespräch zur Einschätzung der aktuellen Pandemie-Lage und seiner persönlichen Kommunikationsstrategie, überreichten Marco Vollmar, Präsidiumssprecher des BdKom, und Verbandspräsidentin Regine Kreitz ihm den Preis mit folgender Begründung:
 
Der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten hat die COVID19-Pandemie von Anfang an nicht nur mit den Mitteln des Wissenschaftlers, sondern auch mit denen des öffentlichen Aufklärers und Krisenkommunikators bekämpft. Mit zahlreichen Interviews und Fernsehauftritten, vor allem aber mit seinem täglichen Podcast „Coronavirus Update“ auf NDR Info hat er einen Referenzpunkt der ruhigen und aufgeklärten Information geschaffen. Der SPIEGEL attestiert ihm sogar „eine weit bes­se­re Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on als der Kanz­le­rin und ihrem Ka­bi­nett zu­sam­men.“
 
Wie macht er das? Christian Drosten erklärt wissenschaftliche Fakten und Zusammenhänge so verständlich wie möglich – verwahrt sich aber gegen grobe Vereinfachungen. Er hielt und hält uns über den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnisse auf dem Laufenden – und mutete uns das zu, was in der Wissenschaft Alltag ist: Dass neue Erkenntnisse zur Korrektur bisheriger Einschätzungen führen. Er macht auch stets transparent, was die Wissenschaft nicht weiß und was sie nicht prognostizieren kann.
 
Mit seiner ruhigen und zugewandten Art wurde Christian Drosten zu Gesicht und Stimme der Coronavirus-Aufklärung und hat damit einen großen Beitrag  dazu geleistet, dass die Deutschen mit dem Virus großenteils besonnen umgehen. Er zeigt damit in Reinkultur, was gute Kommunikation kann und will: Über faktengetreue Darstellung Einstellungen und Verhalten beeinflussen. Wo die Faktenbasis keine klare Aussagenzulässt, muss das benannt werden. Meinungen und Behauptungen können diese Lücke nicht füllen.
 
Er tat und tut dies, obwohl er als Wissenschaftler von einer derartigen Medienpräsenz nicht profitiert. Im Gegenteil wurde er mit wachsender öffentlicher Präsenz nicht nur angefeindet, sondern sogar von Verschwörungserfindern zum Akteur im angeblichen Komplott von Regierung und Wissenschaft gegen die Bevölkerung gemacht. Medien haben dazu beigetragen.
 
Christian Drosten hat diese Entwicklung nicht einfach still ertragen. Er hat sich sehr reflektiert in das Spannungsfeld zwischen den Systemen Wissenschaft, Politik und Medien begeben und ihre unterschiedlichen Logiken thematisiert. Wo mediale Vereinfachung und Zuspitzung Grenzen überschritt, hat er das nicht nur klar benannt, sondern er hat uns an seinem Leiden daran teilhaben lassen. Seinem Ausruf „Das muss wirklich aufhören!“ im Podcast vom 30. März hätten sich viele Kommunikatorinnen und Kommunikatoren anschließen mögen. Denn sie kennen derartige Situationen aus dem Berufsalltag - wenn auch meistens nicht in diesem öffentlichkeitswirksamen Ausmaß: Komplexe Sachverhalte, die in aufgeregter Schwarz-Weiß-Kontrastierung untergehen.  
 
„Als Wissenschaftler schafft man keine Fakten, sondern will Fakten untersuchen oder identifizieren.“ – noch so ein Satz (Interview SZ) , der uns – Kommunikationsbranche und Medien – hoffentlich zum Nachdenken gebracht hat: Auch wir schaffen keine Fakten!
 
Christian Drostens Erfahrungen und öffentliches Nachdenken über mediale Öffentlichkeit hat in den Medien und auch in der Kommunikationsbranche zu Selbstreflektion geführt. So haben sich die Organe der freiwilligen Selbstkontrolle, der Deutsche Presserat und der Deutsche Rat für Public Relations mit Fällen rund um die Corona-Berichterstattung befasst und Rügen ausgesprochen.
 
Christian Drosten ist auch insofern ein Glücksfall. Wir hoffen sehr, dass er uns als Stimme der Aufklärung in der Pandemie erhalten bleibt. Und wir hoffen auf einen nachhaltigen Effekt seiner Auseinandersetzung mit Medien und Öffentlichkeit auch auf uns Kommunikatoren. In einer Zeit, in der Internet und Soziale Medien es jedem ermöglichen, alles zu behaupten, werden mutige Wissenschaftler wie er mehr denn je gebraucht!
 
Foto: Laurin Schmid