„Nachrichtenkriterien sind nicht in Stein gemeißelt, aber auch nicht in Butter geritzt“

Was macht eine Nachricht zu einer Nachricht? Wie hat sich die Arbeitsweise des hessischen Informationsradiosenders hr-iNFO im Laufe der Zeit verändert? Und wie schafft man es, der erfolgreichste Inforadiosender in Deutschland zu werden? Um diese und viele weitere Fragen drehte sich der Webtalk der BdKom-Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland mit Ulli Janovsky am 19.04.2022. Janovsky war lange Nachrichtenchef des Hessischen Rundfunks (hr) und leitet mittlerweile das Programm von hr-iNFO. Mit Hilfe eines kurzen virtuellen Rundgangs durch die Räumlichkeiten des Hessischen Rundfunks konnten die BdKom-Mitglieder auch direkt einen ersten Einblick in den Arbeitsalltag des Senders erhalten.
 
Ein Erfolgsrezept des Senders: Nachrichten, Hintergründe und Meinungen
Direkt zu Beginn stellt Janovsky klar, dass sich hr-iNFO nicht als reines Nachrichtenradio betrachtet, sondern weit mehr sei als das: „Nachrichten sind  die erste Ebene unseres Programms.“  Sie basieren auf verschiedenen Quellen: Meldungen von Nachrichtenagenturen sowie Recherchen und Berichten der ARD-Korrespondent*innen und hr-Reporter*innen. Social-Media-Auswertung hilft zusätzlich dabei, aktuelle Themen ausfindig zu machen. Bei allem gilt der Grundsatz: Eine Quelle ist keine Quelle. Die hr-Nachrichten vermelden nur, was mehrere Quellen übereinstimmend berichten. Je nachdem, ob Nachrichten für hr-iNFO, YouFM, hr1 oder die Schlagerwelle hr4 geschrieben werden, setzen die Nachrichtenredakteurinnen und -redakteure zudem andere Themenschwerpunkte.
Janovsky erklärt, dass sich die Programmstruktur von hr-iNFO aus drei Ebenen zusammensetze. „Die zweite Ebene nach den Nachrichten umfasst vertiefende Informationen. Wir erörtern Hintergründe, analysieren Themen und sprechen mit Expertinnen und Experten.“ Die dritte Ebene sei die komplexeste: die Meinung. „Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir als öffentlich-rechtlicher Radiosender Meinungen, zum Beispiel in Form von Kommentaren, einbinden sollen“, erläutert der Programmleiter. Nach intensivem Abwägen habe man sich aber bewusst für diese dritte Stufe im Programm entschieden. „Ein Kommentar kann entweder meine Meinung stützen und mir weitere Argumente für meine Position liefern. Oder ich höre Argumente, die nicht meinen eigenen entsprechen, muss mich mit ihnen auseinandersetzen und verstehe im Anschluss vielleicht die Gegenseite etwas besser.“
 
Starke Themen statt starrer Rubriken
Dieses dreistufige Vorgehen ist wohl einer der Gründe, weshalb hr-iNFO auch bei der letzten Mediananalyse jubeln durfte: Der Radiosender ist weiterhin der reichenweitenstärkste Informationsradiosender in Deutschland (bezogen auf das jeweilige Sendegebiet). Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal sei die bewusste Entscheidung, keine Rubriken an eine feste Uhrzeit zu binden, erklärt  Janovsky und betont: „Immer um 07:50 Uhr einen Kulturbeitrag senden? Das gibt es bei uns nicht. Bei uns richtet sich alles nach der Themenrelevanz. Wenn ein Thema stark ist, verschwindet es nicht in einer Rubrik.“ Sonst bestehe schnell die Gefahr, dass man bei einer Nachrichtenflaute krampfhaft nach Meldungen suche, die in eine bestimmte Rubrik passen.
 
Rein oder raus: Der Kampf um die Programmplätze
Was aber, wenn zu viele interessante Inhalte einen Platz im Programm für sich beanspruchen? Auf die Frage, wer die Programmgestaltung bestimme, findet Janovsky eine auf den ersten Blick einfach klingende Antwort: Schwarmintelligenz. Dahinter verbirgt sich ein Konzept, das sich „Integrierte Programmsteuerung“ nennt. Es sieht vor, dass tagesaktuell, bei Bedarf auch kurzfristiger, Themen von der Redaktion geändert oder angepasst werden können. Janovsky erklärt dies so: „Wir sind ein Radiosender mit einem hohen Planungsanteil. Wenn sich die Themenlage ändert, müssen wir aber flexibel sein und spontan andere Inhalte in den Mittelpunkt zu rücken. Das erwarten unsere Hörerinnen und Hörer auch von uns.“ Wenn in der Redaktion Uneinigkeit über die richtige Themensetzung herrsche, werde diskutiert. Erst wenn es zu einer Pattsituation kommt, entscheide im Zweifelsfall der Chef vom Dienst (CVD).
 
Provokanten Themen eine große Bühne bieten?
Doch kompliziert wird es mit Blick auf die weltpolitische Nachrichtenlage: Wie viel Platz bekommt die AFD im Programm? Welche Thesen von Trump oder Marie Le Pen nimmt man auf? Wie geht man mit Querdenkenden um? All das seien Punkte, über die die Redaktion in den letzten Jahren viel und kontrovers diskutiert habe, erläutert Janovsky. „Wir waren immer im Zwiespalt: Bieten wir den provokanten Themen eine Bühne oder nicht?“ Auch wenn es in der Praxis nicht immer einfach sei, ist es Janovsky und seinem Team wichtig, solche Inhalte auch aufzugreifen. „Die Themen der AFD finden auch bei uns im Programm ihren Platz. Aber wir sind uns einig, dass wir nicht über jeden Stock springen und daher nicht jede provokante Äußerung ausführlich darstellen müssen.“ Doch die Radio- und Nachrichtenlandschaft verändert sich stetig. Janovskys Motto lautet daher: „Nachrichtenkriterien sind nicht in Stein gemeißelt, aber auch nicht in Butter geritzt.“ Somit kann und wird sich die Art, wie Nachrichten ausgesucht, gewertet und verarbeitet werden, kontinuierlich verändern – auch bei hr-iNFO. Um im Bild zu bleiben: Als reichenweitenstärkster Informationsradiosender hat hr-iNFO nicht vor, sich die Butter – also die Einschaltquoten – vom Brot nehmen zu lassen. Daher wird es auch in den kommenden Jahren spannend sein, zu schauen, wie sich die Programmgestaltung des Radiosenders weiterentwickelt.
 
Text von: Judith Alpmann