Qualitätsjournalismus hat eine Zukunft - Virtueller Neujahrsempfang mit Carsten Knop (F.A.Z.)

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung – wer kennt sie nicht? Aber ist sie nicht längst digital? Wo geht die Reise hin? Und machen Pressemitteilungen im Jahr 2021 noch Sinn? Beim virtuellen Neujahrsempfang der BdKom-Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland stand F.A.Z.-Mitherausgeber und Digitalchef Carsten Knop rund 70 Kommunikatorinnen und Kommunikatoren Rede und Antwort.
 
Medienkrise wegen Corona? Nicht bei der F.A.Z.! Die Pandemie hat das Bedürfnis vieler Menschen nach seriösen Informationen so gesteigert, dass das Jahr 2020 der Zeitung viele neue Leserinnen und Leser brachte. Der Zuwachs fand vor allem im Digitalen statt. Die Zugriffszahlen auf FAZ.NET stiegen um 30 bis 50 Prozent auf häufig deutlich mehr als 3 Millionen Visits pro Tag, wie Carsten Knop erläuterte. Außerdem hat die F.A.Z. (ohne die Sonntagszeitung) in ihrer verkauften Auflage von 200.900 Exemplaren inzwischen 56.200 E-Paper-Bezieher. Hinzu kommen rund 65.000 Kunden, die einen Zugang zum Bezahl-Content auf der Website gebucht haben. Und damit nicht genug. Auch das Podcast-Angebot wird sehr geschätzt und kommt über alle Angebote hinweg auf 200.000 Downloads und Streams in der Woche. Knop resümierte: „Wir haben gelernt, dass sich Qualitätsjournalismus im Netz finanzieren lässt. Und die Qualität der Berichterstattung steigt.“
 
Online first und KI
 
Es ist daher nur verständlich, dass auch die F.A.Z. ihre Arbeit inzwischen auf „Online first“ umgestellt hat, wenngleich andere hier Vorreiter waren, wie Knop einräumte. Es werde mit der Veröffentlichung von Inhalten nicht mehr gewartet, bis etwas in der Zeitung erschienen ist. Breaking News werden, je nach Stand der Kenntnislage, als Kurzmeldung veröffentlicht und schrittweise zum vollständigen Artikel ausgebaut. Bei der Suche nach aktuellen Nachrichtenthemen in sozialen Netzwerken hilft künstliche Intelligenz (KI), um Quellen zu recherchieren.
 
90 Prozent ungelesene Pressemitteilungen
 
Knop sagte: „Das Internet ist keine Klick-Maschine mehr. Was wir heute brauchen, ist echtes Leserinteresse. Wir legen immer größeres Gewicht auf Geschichten mit Mehrwert, über die wirklich gesprochen wird. Das gelingt nicht etwa mit reinen Umsatznachrichten in der Unternehmensberichterstattung.“ Die Redakteurinnen und Redakteure seien gefordert, diesen Mehrwert, wenn möglich exklusiv, zu recherchieren. Dass das zeitaufwendig ist, versteht sich von selbst und führt unter anderem dazu, dass 90 Prozent der eingehenden Pressemitteilungen ungelesen bleiben oder zumindest nicht weiter genutzt werden. „Sie können aber trotzdem nicht darauf verzichten“, sagte Knop den anwesenden Kommunikationsverantwortlichen, „wir müssen die Ideen ja irgendwo herbekommen“. Pressebereiche und Newsrooms von Unternehmen und Verbänden hätten außerdem die Funktion eines Tagebuchs. Sie erleichtern die Recherche auch ohne Anruf in der Pressestelle.
 
Tech-Firmen als Gatekeeper
 
Neben Artikeln mit Mehrwert sind Meinungsstücke in den vergangenen Jahren zunehmend wichtiger geworden. „Die Leser wünschen sich klare Positionen in Kommentaren“, sagte Knop, „das heißt aber auch, dass Einerseits-Andererseits-Kommentare nicht mehr so beliebt sind.“ Das haben neben oft kritischen Leseranmerkungen zu Artikeln auch Auswertungen mit KI gezeigt, die bei der Einschätzung helfen, welcher Text wie oft geklickt und wirklich gelesen wird. Dabei kommt ein Programm zum Einsatz, das im Rahmen der Google-News-Initiative finanziert wird. Die F.A.Z. müsse über diese Kooperation Kontakt zu dem wichtigen Gatekeeper Google halten; die verschiedenen Angebote des Tech-Konzerns tragen in einem erheblichen Ausmaß zum Traffic auf FAZ.NET bei. Facebook sei ebenfalls wichtig für die Online-Performance. Die finanzielle Eigenständigkeit bedrohe das aber nicht.
 
Wie geht es 2021 weiter? Das Digitale ist die Zukunft, resümierte Knop: „Wir müssen auf jeden Fall täglich im Netz vorankommen.“
 
 
Text: Oliver Claas
Foto: Bettina Schmidt