Stern oder nicht Stern – wie wird der Rechtschreibrat entscheiden?

Der BdKom veröffentlicht in jeder Ausgabe des Magazins KOM sowie online die Kolumne Fair formuliert. Die Autorin des Kompendiums Gendersensible Sprache greift darin jeweils eine Frage auf, die unter Kommunikationsprofis diskutiert wird. Diesmal geht es darum, wie der Rechtschreibrat im Herbst 2023 über den Genderstern befinden wird.
 
von Jeanne Wellnitz
 
Anfang Oktober ist der Neuen Osnabrücker Zeitung ein kleiner Coup gelungen: Die Tageszeitung hatte Zugang zu einem Empfehlungsschreiben der Familien- und Justizministerin Christine Lambrecht. Die Schlagzeilen, die daraufhin in den Leitmedien zu lesen waren, lauteten etwa: „Frauenministerin will Gender-Sternchen stoppen“ (Bild) oder „Frauenministerin rät Bundesbehörden von Genderzeichen ab“ (Zeit). Lambrechts Schreiben ist eine Empfehlung an alle Bundeseinrichtungen, ausschließlich amtlich geregelte Varianten des Genderns zu verwenden.
 
Über diesen Vorstoß hat sich Sabine Krome sicherlich gefreut. Die Geschäftsführerin des Rats für deutsche Rechtschreibung bekommt rund 200 Anfragen pro Monat: von Schule und Verwaltung („Wie sollen wir mit dem Gendern umgehen?“) oder der Presse („Warum wird der Stern nicht ins Regelwerk aufgenommen?“). Die temporäre Rats-Arbeitsgruppe Geschlechtergerechtes Schreiben hat alle Hände voll zu tun. Das Ziel: die Bewahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum. Die Krux: den Erfordernissen gendergerechter Sprache irgendwie Rechnung zu tragen – und dabei auch Themen wie Leichte Sprache, Spracherwerb und Barrierefreiheit im Auge zu behalten. Da kommt ein bisschen Rückenwind ganz recht. „Endlich ergreift einmal eine Bundesbehörde das Wort und stellt sich auf die Seite der Institution, die sie selbst als verantwortlich für die Orthografie eingesetzt hat“, erklärt Sabine Krome auf Nachfrage. Aber ihr geht das noch nicht weit genug, schließlich gelte die amtliche Regelung auch für alle Schulen sowie die Behörden der Länder und Kommunen.

Die Ratsperiode wurde verlängert

Als ich Sabine Krome auf dem Kommunikationskongress im September fragte, wie der Rat über den Genderstern befinden werde, hatte sie keine gute Nachricht parat. Zumindest für all jene nicht, die gehofft hatten, die Entscheidung – gendern mit Stern, ja oder nein? – dem Rat überlassen zu können. Schließlich wollte dieser 2022 endgültig über den Gebrauch des Sterns urteilen. Doch durch Corona und auch aufgrund der komplexen Gemengelage wurde die Ratsperiode verlängert. Eine finale Stellungnahme wird es nun erst im Herbst 2023 geben.
 
Einige Unternehmen berufen sich in ihrer Positionierung zur gendersensiblen Sprache auf das Amtliche Regelwerk und lehnen den Genderstern dementsprechend ab. Es kann jedoch sein, dass ihn der Rat in zwei Jahren als Grenzfall zu den typografischen Zeichen zählt und damit indirekt toleriert, ihn also beispielsweise in einem Passus erwähnt. In diesem Fall wäre die firmeneigene Positionierung genauer zu begründen als mit dem bloßen Verweis auf den Rat, der die Wogen der Debatte ohnehin kaum glätten kann.

Das Thema muss breiter diskutiert werden

„Es wäre sinnvoll, das Thema etwas mehr von der sprachlich-orthografischen Ebene wegzubringen“, meinte Sabine Krome auf dem Kommunikationskongress. Beispielsweise könne es in der Schule in Fächern wie Geschichte oder Gemeinschaftskunde aufgenommen werden. Sie wünscht sich außerdem, dass die relevanten Akteure und Entscheiderinnen der Debatte gemeinsam über das Thema verhandeln, um so an einer allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz mitzuwirken.
 
Bei ihrem Impulsvortrag auf dem Kongress zeigte die Geschäftsführerin des Rats übrigens auch eine Folie mit einer Tabelle von verschiedenen Textsorten und deren Genderstern-Kompatibilität. Einige rote Kreuze, viele grau hinterlegte Fragezeichen. Es wird sich zeigen, was für Antworten wir auf diese offenen Fragen in Zukunft finden werden. Bei einer Textsorte zumindest leuchtete bereits ein grünes Häkchen: bei der Stellenanzeige.
 

Für welche Textsorten bietet sich der Genderstern an? Eine Bestandsaufnahme des Rats für deutsche Rechtschreibung © Leibniz-Institut für Deutsche Sprache
 

Die Autorin

Jeanne Wellnitz ist Autorin des Kompendiums Gendersensible SpracheDie gebürtige Berlinerin ist neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin Redakteurin beim Fachmagazin Human Resources Manager. Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert, beim Magazin KOM volontiert und schreibt Literaturkritiken für das Bücher Magazin und die Psychologie Heute.
 

Quellen

https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/2441060/frauenministerin-christine-lambrecht-will-gendersternchen-stoppen
https://app.quadriga.eu/event/kkongress2021/planning/UGxhbm5pbmdfNjQzMDQ4 (Ticket-Login notwendig)
 
Hier geht es zu den Kolumnen Können Studenten Studierende sein? und Knifflige Komposita: Mitarbeitermagazin – gendern oder nicht?.