Wie bindet ein Museum in der Pandemie die Besucher?

Ein Online-Gespräch mit Experten des Museums für Kommunikation in Frankfurt. Die BdKom-Landesgruppe Hessen/Rheinland/Pfalz Saarland traf sich mit Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums und Kurator der Museumstiftung für Post und Telekommunikation, sowie Nina Voborsky, verantwortlich für Bildung Vermittlung und Medienpädagogik. Themen waren neue Formate der Museumskommunikation und wie man auch im Wechsel von Lockdown und Teil-Öffnung engen Kontakt zu seinen Besuchergruppen hält.
 
„Wie, du arbeitest noch? Alle Museen sind doch geschlossen…!“ Sätze wie diesen hat Nina Voborsky in den vergangenen Monaten immer wieder gehört. Und dann musste sie die Fragenden erst einmal aufklären. Denn gerade weil aufgrund von Corona keine Besuchergruppen mehr in die drei Häuser des Museums für Kommunikation (MfK) in Frankfurt, Berlin und Nürnberg durften, war die Medienpädagogin besonders gefordert, neue Formen der Teilhabe an den verschiedenen, von langer Hand geplanten Ausstellungen zu finden. „Wir haben digitale Führungsformate ausprobiert oder digitale Workshops für Schulklassen. Auch haben wir diverse Blogs gestartet und uns in die Webseite Google Arts & Culture eingebracht. Unsere Volontäre haben wir eigene Podcasts entwickeln lassen. Und wir haben erfolgreich Mitmachformate wie die Schrott-Robo-Aktion eingeführt, die immer noch läuft“, erzählt Voborsky. Ein Highlight ihrer Corona-Museums-Arbeit seien die „Expotizers“, eine Mischung aus „exhibition“ und „appetizer“, zu sehen auf der Webseite des Museums (mfk-kommunikation.de). „Sie sollen Lust machen auf den Ausstellungsbesuch, ihn vor- und nachbereiten. Das hat toll funktioniert, gerade um die Corona-Pause zu überbrücken. Deshalb bauen wir dieses Feature auch weiter aus“, sagt Voborsky.
 
Keine Frage, ein Museum hat in Zeiten einer Pandemie eine besonders große Herausforderung zu meistern. „Die zentrale Frage an uns lautet: Wie binden wir in der Pandemie die Besucher?“, formuliert es Dr. Helmut Gold. Um dann gleich nachzuschieben: „Wie erreichen wir es, dass die Menschen jetzt die digitalen Angebote nutzen, aber trotzdem wiederkommen, wenn Besuche wieder erlaubt sind?“ Gänzlich zurück zum Zustand vor der Pandemie werden Museen nicht mehr kommen, ist sich Gold sicher. „Die Erwartungshaltung wird bleiben, dass es auch künftig einen digitalen Zugang zu unseren Ausstellungen gibt. Aber das Bedürfnis nach einem authentischen Museumsbesuch ist ungebrochen, das haben wir gesehen, nachdem wir die Pforten am 12. März dieses Jahres wieder öffnen durften.“
 
Die Antwort auf die grundlegenden Fragen der richtigen Museumskommunikation lautet demnach: flexibel und schnell reagieren. Das gilt insbesondere für eine Ausstellungseröffnung – normalerweise das Highlight der Arbeit der insgesamt 110 MfK-Beschäftigten; meist als Event mit vielen Gästen und besonderen Aktionen geplant. Das MfK musste zum Beispiel darauf reagieren, dass just im März 2020 die Türen zugingen, als der Start der großen Ausstellung „#Neuland – Ich, Wir & die Digitalisierung“ anstand. Ein Video-Stream der Eröffnung und ein Live-Chat wurden kurzerhand organisiert – und eine „Corona-Spur“ im Rahmen der Ausstellung aufgesetzt, „die nachbildet, wie sich Corona auf unsere Kommunikation auswirkt“, erzählt Nina Voborsky. „Wir haben damit selbst Neuland betreten und alles schnell umgebaut“, ergänzt Helmut Gold. Im Lauf des Jahres 2020 wurden andere Ausstellungen dann entweder hybrid oder gleich als reine Digitalveranstaltungen eröffnet.
 
Beide Museumsexperten sehen die Corona-Zeit daher keineswegs als verloren an. „Wir haben ein Experimentierfeld bekommen, das es sonst nicht gegeben hätte“, sagt Medienpädagogin Voborsky. Es habe zum Beispiel einen intensiven Austausch mit anderen Institutionen gegeben, etwa der Frankfurter Schule für Gehörlose, um ganz neue Museumsformate zu entwickeln. Helmut Gold sieht seine Häuser daher auch im internationalen Vergleich gut aufgestellt. „Die USA sind uns sicherlich in der Digitalisierung von Museumsbeständen weit voraus. Aber bei den Vermittlungsangeboten von Inhalten müssen wir uns nicht verstecken“, betont er. Trotzdem ist ihm anzumerken, wie gerne er seine Häuser wieder normal öffnen würde. „Museen sind ein Ort für Diskurs“, sagt er. „Wir brauchen nach Corona ein Comeback der Vor-Ort-Diskussion.“  
  
 
Text: Holger Paul
Foto: Museum für Kommunikation