Kommunikation von Großprojekten - was kann man aus Stuttgart 21 lernen?

22.02.2011

22. Februar 2011, 19:00 Uhr Universität Hohenheim, Stuttgart
 
Am 22. Februar luden der Bundesverband deutscher Pressesprecher und die Universität Hohenheim in Stuttgart zu einem Mediendisput zum Thema Kommunikation von Großprojekten ein. Ziel war, Perspektiven und mögliche Konsequenzen für die Öffentlichkeitsarbeit bei Großprojekten aus dem Geschehen rund um Stuttgart 21 abzuleiten.
Podium: Sabrina Fritz (Leiterin der Redaktion Wirtschaft und Soziales, SWR), Prof. Dr. Frank Brettschneider (Lehrstuhl für Kommunikation Universität Hohenheim), Wolfgang Drexler (SPD-Abgeordneter, Vizepräsident des baden-württembergischen Landtags und ehemaliger Projektsprecher), Prof. Dr. Markus Voeth (Lehrstuhl für Marketing Universität Hohenheim)
 
Hintergrund war die Debatte um das Stadtentwicklungsprojekt Stuttgart21, an dem exemplarisch untersucht werden sollte, welche Schlüsse aus dem heftigen Widerstand der Bürger gegen das Vorhaben gezogen werden können.
Nachdem Landessprecher Egon Betz die Teilnehmer begrüßt hatte und mit einigen einleitenden Worten den BdP und die Veranstaltungsreihe vorgestellt hatte, stellte Präsidiumsmitglied Norbert Gelse, der an diesem Abend auch die Moderation übernahm, kurz Intention und Kernfragen zum Thema vor, ehe er zur Diskussion überleitete.
Der ehemalige Projektsprecher Wolfgang Drexler berichtete über die Ausgangslage und Probleme, die er zu Beginn seines ehrenamtlichen Engagements vorfand. Mit nur zwei Personen war das Pressebüro deutlich unterbesetzt, es existierte keine einheitliche Kommunikationsstrategie und die Anfragen der Bürger wurden nicht systematisch abgearbeitet. Sein Auftrag war somit zunächst: Kommunikation aufbauen. Wolfgang Drexler berichtete weiter, dass die politischen Abstimmungswege zwischen Planung um Umsetzung zu lang gewesen seien und Alternativen nie richtig besprochen wurden.
An Prof. Brettschneider gerichtet stellte Norbert Gelse die Frage, ob die Schlichtung als ein Modell für künftige Projekte verstanden werden könnte.
Prof. Frank Brettschneider war der Meinung, dass in der Schlichtung lediglich das nachgeholt wurde, was zuvor zu vermitteln versäumt worden war. Insgesamt sei nun feststellbar, dass die Menschen sich nach dem Schlichtungsvorgang deutlich informierter fühlten. Als Modell für künftige Projekte sieht er die Schlichtung jedoch nicht, er schlägt stattdessen vor, von vorneherein umfassend und verständlich über Großprojekte zu informieren und die Ängste der Bürger ernst zu nehmen.
Sabrina Fritz berichtete aus ihrer Position als Journalistin über das Thema und erklärte, dass der SWR selten so viele, teils sehr emotionale, Rückmeldungen zu einem Thema bekommen habe wie bei Stuttgart 21. Die Bearbeitung des Themas sei aufgrund der Komplexität der Materie auch für Journalisten schwierig. Sie sei der Meinung, dass zu Beginn des Projektes zu viel aus einer kommentierenden Perspektive berichtet wurde und zu wenig sachlich transparent. Allerdings stellte sie sich auch die Frage, ob das Politikmodell, Entscheidungen zu treffen und dann einfach umzusetzen, insgesamt noch zeitgemäß sei.
Prof. Markus Voeth erklärte aus der Marketingperspektive, dass die „Verpackung“ eines Projektes zwar wichtig sei, dieses jedoch auch von Natur aus selbst überzeugen und Substanz haben müsse. Kritische Punkte müssten frühzeitig erkannt werden, zugleich sollte bereits bei der Definition des Projektes dafür gesorgt werden, dass mehrheitliche Akzeptanz erreicht werden kann.